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Konzert ohne Maske

Wann habt ihr zum letzten Mal ein Konzert, ein Theater oder ein Opernhaus besucht? Seit Monaten geschlossene Portale, leere Ränge, geschlossene Vorhänge.

Dann plötzlich kam die Lockerung des Lockdowns.

Am 3.10. 2020 waren wir zum ersten Mal seit Beginn der Krise wieder im Theater.

Im Giessener Stadttheater gab es ein Konzert der „HR Big Band“ mit Stücken von Miles Davis. Große Erwartungen, denn wir hatten bereits 2019 tolle Aufführungen mit der Big Band beim Rheingau Musik Festival und in der Musikakademie Schlitz erlebt.

Große Freude, dass es wieder losgeht, denn wir waren richtig „kulturhungrig“.

Aber dann doch Enttäuschung; die alte Begeisterung wollte sich nicht einstellen.

Woran lag´s? Das Konzert dauerte nur eine Stunde, Maskenpflicht auch auf den Plätzen, keine Garderobe. Mäntel hingen über den Stuhllehnen, keine Pausen, kein Essen und Trinken, Reden und Lachen, kein freudiges Entdecken von bekannten Gesichtern, kein entspanntes Rumstehen in Grüppchen.

Im Herbst der nächste, wenn auch halbherzige Lockdown. Kein Theater, Livekonzert, nichts.

Viele erleben das als Verlust, Mangel an Genuss und Freiheit. Einige treibt es trotz der Warnungen auf die Straße, um ihrer vermeintlich unberechtigten Rechteeinschränkung lautstark Ausdruck zu geben.

Es ist jedoch eine Frage der persönlichen Einstellung, ob man geschlossene Theater-, Arenen und Konzerthäuser als Mangel empfindet, oder entdeckt, welche eindrucksvollen Alternativen es dazu gibt.

Wir haben in den letzten Monaten wie nie zuvor klassische und Popmusik erlebt, in eindrucksvollen Aufführungen, von der „Royal Albert Hall“ in London bis zur „Waldbühne“ in Berlin, hautnah und stimmungsvoll, allerdings ohne Gedränge, Opernglas und ein Ticket für hundert Euro.

Ja, aber die Atmosphäre! Live dabei sein ist doch mehr als nur zuschauen und -hören. Sich auf einen Konzertbesuch vorbereiten, vielleicht etwas festlich kleiden, sich auf das Glas Sekt in der Pause freuen, das alles ist Teil des Gesamterlebnisses – eigentlich.

Warum nicht dieses Umfeld in die eigenen vier Wände holen?, fragten wir uns.

Unser Konzertabend in Dieters Wohnung begann um 18 Uhr mit einem Glas Sekt und Kanapees, begleitet von sanfter Loungemusik aus dem Radio. Natürlich waren wir entsprechend gekleidet, Dieter im Smoking mit Fliege und ich in Kleid und „Hochhackigen“  (in letzteren kann ich zwar seit Jahren nicht mehr laufen), aber unsere Plätze in der ersten Reihe (auf dem Sofa vor dem Fernseher) erforderten ja keine langen Wege.

Nach unserem „Pre Opera Dinner“ genossen wir eine fantastische Aufführung von Beethovens 9. in der Konzerthalle Catalania in Barcelona.

Nach einer kurzen Pause schalteten wir um auf 3sat, wo es einen Zusammenschnitt der besten Auftritte aus den „AIDS Galakonzerten“ der vergangenen Jahre gab.

Vielleicht mag unser 'Auftritt' einigen etwas merkwürdig erscheinen. Aber in der häuslichen, selbstgewählten Quarantäne gibt es keine Zuschauer. Wir machen es uns schön und festlich. Der Sekt steht kalt, der Parkettplatz ist frei von Sitznachbarn und die Sicht behindernden 'Vorsitzenden'. Weder unsere begleitenden Kommentare noch Knabbergeräusche beim Verzehr der kleinen Häppchen auf dem Couchtisch stören Sitznachbarn.

Die Musik füllt den Raum, jeder Musiker bekommt durch die Nahaufnahmen eine Identität, die Mimik des Dirigenten bei der subtilen Führung des Orchesters bleibt den „Live“-Besuchern verschlossen, hier wird sie hautnah erlebt.

Es ist ein Gesamterlebnis, anders als vor der Bühne sehr intim und intensiv. Entscheidend für uns ist, dass man diesen „Fernsehabend“ zu etwas Besonderem macht, sich auf ihn vorbereitet, sich verabredet wie für ein Live-Event, sich entsprechend kleidet, mit Häppchen und Getränk versorgt, vom Alltag abschaltet und eintaucht in die Aufführung, was immer es auch sei.

"Selbst im Augenblick des höchsten Glücks und der höchsten Not bedürfen wir des Künstlers“, bemerkte Goethe. Und wir folgen seinem Ratschlag „Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und - wenn es möglich wäre - einige vernünftige Worte sprechen.“

 

Quelle für Konzerte, Theater und Oper:

Internet, Mediatheken der TV-Sender, insbesondere ARTE und 3sat u.a.

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